Internationale Herder-Gesellschaft

 

 

 

In memoriam Pierre Pénisson (geboren am 5. August 1952, gestorben am 15. Juni 2008)

Es obliegt mir die traurige Pflicht, den plötzlichen Tod meines langjährigen Kollegen und Freundes, Pierre Pénisson, anzeigen zu müssen. Ende Januar 2008, ich wusste noch nicht, dass dies der letzte offizielle Termin war, den wir gemeinsam wahrnahmen, wurde unsere Forschungsgruppe an der Universität Paris VIII von den staatlichen Instanzen Frankreichs evaluiert und wir saßen in dieser Lage eng beieinander, um „unsere“ Bilanz zu verteidigen. Ich erinnere mich noch deutlich, dass er mir damals zuflüsterte, dass er sich unwohl fühlte, doch führte ich dies auf die immer etwas gespannte Atmosphäre solcher Sitzungen zurück. Die Diagnose „Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium“ traf nur wenige Tage später ein und die gnadenlose Krankheit hat ihn dann in nur vier Monaten besiegt. Wie beliebt er an „seiner“ (er identifizierte sich sehr stark mit der unkonventionellen Reformuniversität, die 1969 in provisorischen Gebäuden im Wald von Vincennes gegründet worden war, ehe sie später auf den Campus von Saint-Denis umzog) Universität war, konnte an der großen Zahl von Trauergästen auf dem Friedhof Père Lachaise und an der langen Reihe von Rednern, angefangen vom Präsidenten der Universität, abgelesen werden.

Pierre Pénisson innerhalb der Internationalen Herder-Gesellschaft zu würdigen, drängt sich fast auf, denn Herder stand im Mittelpunkt seiner Arbeit als Forscher und akademischer Lehrer. Er war von der Philosophie zu Herder gekommen, denn er beendete sein Studium mit der agrégation (entspricht ungefähr dem deutschen Staatsexamen) in diesem Fache. Wie in Frankreich üblich, kam er nicht sofort in einen universitären Wirkungskreis, sondern unterrichtete zunächst an Gymnasien, insbesondere dem Lycée franco-allemand in Buc (einem grünen Vorort von Paris). Noch in dieser Zeit entstand seine erste größere Publikation, seine französische Ausgabe von Herders Sprachschrift, die 1978 im Verlag Aubier-Flammarion erschien, als Pierre gerade erst 26 Jahre alt war. Auch auf internationaler Ebene sollte er sich bald einen Namen machen, denn er verfasste das Nachwort zum ersten Band der Herder-Ausgabe von Wolfgang Pross, der 1984 im Carl Hanser Verlag erschien. Nach diesen Leistungen gewährte ihm die französische Forschungseinrichtung, der CNRS, eine mehrjährige Freistellung vom Schuldienst, die es ihm ermöglichte, seine Promotion zu beenden. Auch die Dissertation war Herder gewidmet und erschien 1992 unter dem Titel Johann Gottfried Herder: La Raison dans les peuples im Pariser Verlag Ed. du Cerf. Die Promotion besiegelte den sich seit längerer Zeit abzeichnenden Übergang von der Philosophie zur Germanistik. In diesem Fach sollte er sich 1999 auch habilitieren und er wirkte ab 2000 als Professor an der Universität Paris VIII, wo er schon ab 1994 im Mittelbau, als Maître de conférences, tätig war. Führte ihn sein wacher Geist auch zu vielen anderen Themen (von Heine zu Adorno) und seine Übersetzertätigkeit – er liebte es, Übersetzungen mit einem kleinen Freundeskreis in Montparnasse auszuführen –, sogar auf die Antike zurück (ich habe verschiedentlich von ihm gehört, dass seine Übersetzung Epikurs diejenige seiner Publikationen sei, welche die weiteste Verbreitung gefunden habe), kehrte er immer wieder zu Herder zurück. Im Jahre 2003 hatte ich das Glück eine große Herder-Tagung mit ihm und Jacques Le Rider in den prächtigen Räumlichkeiten der Pariser Stiftung Singer-Polignac organisieren zu dürfen, die viele Spezialisten vereinigte und deren Akten unter dem Titel Herder et les Lumières – L'Europe de la pluralité culturelle et linguistique erschienen sind. Vermutlich der letzte seiner Aufsätze galt Herder und dem Orient. Eine französische Ausgabe von Herders Plastik konnte Pierre noch weitgehend fertig stellen: Michel Espagne will sie posthum zur Publikation bringen.

Seine Kennerschaft zu Herder wird in Frankreich fehlen, doch seinen Freunden fehlt der stets hilfsbereite, großzügige Mensch.

Norbert WASZEK (Universität Paris VIII)

 

Regine Otto in memoriam

Am 22. Dezember 2008 starb Dr. phil. habil. Regine Otto. Am 12. April 1936 in Zwickau geboren, studierte sie in Leipzig Germanistik (bei Hans Mayer) und Kunstgeschichte und arbeitete freiberuflich als Lektorin für den Aufbau-Verlag. 1968 wurde sie in Jena mit einer Arbeit (Dissertation A) zum Thema Karl Ludwig Knebel. Entwürfe zu einer Monographie promoviert. 1978 habilitierte sie sich (Dissertation B) mit Studien zu Werk und Wirkung Johann Gottfried Herders in Greifswald. Von 1967 bis 2001 war Regine Otto wissenschaftliche Mitarbeiterin an den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar (heute: Klassik Stiftung Weimar) und Leiterin der Abteilung „Editionen“ des Goethe- und Schiller-Archivs. 2001 ging sie in den Ruhestand und erlitt im Jahr darauf einen schweren Schlaganfall, von dem sie sich nur mühsam und nie vollständig erholen konnte. Im Juli vorigen Jahres traf sie ein zweiter Schlaganfall. Regine Otto starb im Krankenhaus Berlin-Köpenick.

Regine Otto war mit Leib und Seele eine Dixhuitièmiste, unbestechlich im Urteil, energisch und mit außergewöhnlich scharfem Blick für das, worauf es ankommt, dabei immer eine hilfsbereite und – im besten Sinne des Wortes – freundliche Kollegin, die Außerordentliches in ihrem Bereich geleistet, ihre Verdienste aber nie vor sich hergetragen hat. Bei der dreibändigen Eichendorff-Ausgabe Manfred Häckels (1962) war Regine Otto für Textrevision und Erläuterungen verantwortlich; zu Hans-Heinrich Reuters Ausgabe von Fontanes Wanderungen durch England und Schottland (1980) hat sie die Anmerkungen geliefert; sechs Bände der Berliner Ausgabe von Goethes Poetischen Werken (Bde. 1, 2, 4, 10, 11, 12; 1965-68) wurden von ihr bearbeitet; Einzelausgaben von Werken Goethes hat sie betreut (Das Märchen, 1967; Der Mann von funfzig Jahren, 1971); mit Paul-Gerhard Wenz hat sie das mehrfach aufgelegte Goethe in vertraulichen Briefen seiner Zeitgenossen (1979, 1982, 1999) ebenso herausgegeben, wie die Eckermann-Gespräche (1982, 1984, 1987); Goethes Xenien und Römische Elegien (1986) und Venezianische Epigramme (1989), von ihr herausgeberisch betreut, fanden ihren Weg in die Insel Taschenbücher; mit Bernd Witte und anderen machte sie Metzlers vierbändiges Goethe Handbuch möglich (vor allem die Bde. 1 und 4; 1996 und 1998). Dazu Schillers Erzählungen (1963, 1976), der Musenalmanach für das Jahr 1797 (1980); der 2. und 3. Band der Berliner Ausgabe von Schillers Sämtlichen Werken (1981, 1987). Maßgeblich beteiligt, sich selber und das Vorhaben im Rückblick kritisch beurteilend,  Regine Otto auch an der großen, ‘offiziellen’ Geschichte der deutschen Literatur (Bd. 6: Vom Ausgang des 17. Jahrhunderts bis 1789; 1979) mit den Beiträgen zu Sturm und Drang, Göttinger Hain, Weimar, Herder und Schiller.

Und – natürlich – Herder! Regine Ottos Redaktion des ersten Bandes der grossen Dobbek-Arnold Herder-Briefe-Ausgabe (1977, 1984); die einbändige Ausgabe der Briefe Herders von 1970 (2. Aufl. 1983); die von Wilhelm Dobbek übernommene fünfbändige Werkausgabe Herders (6., d.h. 2. neubearbeitete Aufl. 1982) der Bibliothek Deutscher Klassiker, mit rund 2300 Seiten in Leinen für heute aus mehreren Gründen unvorstellbare 25 DDR-Mark; ihre Mitherausgabe (mit Walter Dietze, Hans-Dietrich Dahnke, Peter Goldammer und Karl-Heinz Hahn) der ersten Herder-Tagung in einem Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg: Herder-Kolloquium 1978 (1980); vor allem aber ihre beiden Bände (in 3 Büchern) von Herder-Schriften in der verdienstvollen Reihe Ausgewählte Werke in Einzelausgaben, Schriften zur Literatur mit den Fragmenten (1985) und den Kritischen Wäldern (1990).

Regine Otto ist vielen IHS/IHG Mitgliedern in sehr guter Erinnerung als Wissenschaftlerin, die die Erforschung und Verbreitung von Herders Werken und Ideen auch in den akademischen Stoffwechsel der Tagungen, Ausstellungen und Pflege im Rahmen der Internationalen Herder Gesellschaft eingespeist hat. Von 1995 bis 1999 war sie Vize-Präsidentin und von 1999-2001 Präsidentin der IHS/IHG. 1994 richtete sie die Tagung der Gesellschaft in Weimar aus, die unter dem Titel Nationen und Kulturen (1996) dokumentiert ist. Im Jahr 2000 war sie noch einmal Gastgeberin der Herder-Tagung und versammelte mit John Zammito die Beiträge in dem Band Vom Selbstdenken (2001).

Natürlich ist es vergebens und wohl auch vermessen, eine verstorbene Kollegin und Freundin in allen Facetten würdigen zu wollen. Zu allem Grundsätzlichen, was dem entgegenstehen mag, kommt noch, dass Regine Otto Anfang und Ende der DDR als Bürgerin der DDR gelebt hat – eine Erfahrung, die für jemanden, der ‘im Westen’ aufgewachsen ist, nur sehr bedingt nachvollziehbar ist. Sicher hat sie Verheißungen und Träume des Sozialismus geteilt, hörig war sie ihm aber nie und ihre Unbestechlichkeit und Sachlichkeit auch in dieser Hinsicht war ein Signum ihrer Person wie ihres wissenschaftlichen Werks. Eine von ihren vielen Rezensionen belegt ihren klaren Blick auf die Sache und auf die Fraktionen, die sich der Sache annehmen. 1970 rezensierte sie Benno von Wieses Band Deutsche Dichter des 19. Jahrhunderts, dessen Auswahl – kein Mörike, kein Otto Ludwig, von Saar, Weerth und keine Ebner-Eschenbach – sie mit Grund moniert und trocken (dies eine ihrer wunderbaren Eigenschaften) entlarvt. Benno von Wieses Bemerkung, „… die Höhepunkte des Jahrhunderts, soweit sie sich in einzelnen bedeutenden Dichtern verkörpert haben, sollten […] profiliert werden” kommentierte Regine Otto so: „Wir verstehen diesen Satz nicht so metaphysisch, wie er – wörtlich genommen – klingt, sondern nehmen an, dass dichterische Gipfelleistungen dargestellt werden sollten.” Der Band und sein Herausgeber hätten aus DDR-Perspektive leicht harsch angegangen werden können. Regine Otto weist stattdessen mit dem letzten Satz ihrer Rezension schlicht und sachlich auf einen wichtigen Blindflecken des besprochenen Buches hin: „Aufschlußreich ist die äußerst mangelhafte Rezeption marxistischer Arbeiten.”

Wir vermissen Regine Ottos Sachlichkeit, Energie und Freundlichkeit.

Ein Interview im ZDF mit Regine Otto aus dem Jahr 1999 ist zu sehen auf der von ihrem Bruder Andreas Raab eingerichteten Website unter:

http://images.google.com/imgres?imgurl=http://www.regine-otto.de/images/start_02.jpg&imgrefurl=http://www.regine-otto.de/video.htm&usg=__hmcrefNwNm4i8l2o_fzP-wn4QZE=&h=100&w=119&sz=3&hl=en&start=1&tbnid=FQKHpof-RJNQyM:&tbnh=74&tbnw=88&prev=/images%3Fq%3DREgine%2BOtto%26gbv%3D2%26hl%3Den%26safe%3Doff%26sa%3DG

Hans Adler

   
   

 

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